Ratgeber Kleinkinder und Kids: Lesen lernen, Erziehung ab 8 Moante, 12 Monate von Tanja Ehrhardt
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Trotzkopf: Erziehung, Erziehungstipps für Eltern und Lesen lernen




Spezial: Lesenlernen

Ein Beitrag von Tanja Ehrhardt
Ausgangspunkt des Folgenden sind die allgemeinen Merkmale des Erlernens einer jeden Fertigkeit.

Allgemeine Merkmale des Lernens einer Fertigkeit:

kognitive Phase: Stadium des Herausfindens, was in einer neuen Situation zu tun ist.
Übungsphase: Übung bis zur fast fehlerlosen Ausführung einer Aufgabe
Nach vielfacher Wiederholung sind die geübten Prozesse automatisiert.
Analog dieser Betrachtungsweise wird dargestellt, wie sich bei Kindern die allmähliche Einsicht in die Merkmale der Schriftsprache entwickelt.

Eine wesentliche Voraussetzung ist hierbei die....

3.1. Einsicht in die Funktion und Struktur der Schrift.

Hierbei wird die Sensibilität für Merkmale schriftlicher Texte als eine Vorstufe des Lesenlernens betrachtet. Hierunter versteht man das Vorlesen von Geschichten in den Familien und die damit jeweils verbundenen speziellen Routinen, durch welche die Kinder in den Leseprozess seitens der Eltern miteinbezogen werden. Dies führt dazu, daß Kinder beim Nachahmen der Vorlesesituation der Situation des konventionellen Lesens annähern. Dies äußert sich durch:
die Wiedergabe der Geschichte durch aufgreifen von Geschriebenen und
eine allmähliche Anpassung an den Sprachstil geschriebener Texte in Wortwahl, Intonation sowie bestimmten Merkmalen der Schriftsprache.
Weiterhon ist die Einsicht in die Funktion und Struktur der Schrift gekennzeichnet durch die Entwicklung des Veständnisses von der Tätigkeit lesen.
Kinder entwickeln nur allmählich Einsicht in das was beim lesen eigentlich geschieht. Auf die Frage was Eltern tun, wenn sie lesen beschreiben Kinder im Vorschulalter meist nur das äußerlich sichtbare Verhalten der Eltern. Hierbei wird kein Bezug zur Schrift hergestellt (Die Eltern setzen sich nieder usw.).

Buchstaben werden von den Kindern lange als Objekte betrachtet, wie Gegenstände die sie in Ihrer Umwelt vorfinden.

Sobald sie feststellen, daß ein Unterschied zwischen Zeichnungen und Buchstaben besteht beginnen sie sich mit dem speziellen Charakter der Buchstaben auseinanderzusetzen.

Diese Übergangsstufe ist gekennzeichnet dadurch, daß die Kinder feststellen, daß die Buchstaben die Dinge mit Namen beschreiben. Die Kinder denken in diesem Stadium, daß nur abbildbare Gegenstände durch die Schrift wiedergegeben werden.

Ein weiterer Schritt in die Einsicht der Funktion und Struktur der Schrift stellt die Entwicklung von Konzepten über die Schrift (im Verlauf des Leseunterrichts) dar:

Voraussetzung hierfür ist nach CLAY (1972) das Verständnis dafür, daß gesprochene Sprache in Schriftsprache umgesetzt werden kann. Hiermit ist verbunden, daß die Kinder begreifen, daß Schrift nur in einer gewissen Anordnung ihren Sinn erfüllt und sie die globalen Merkmale der Schrift erfassen (Wörter, Zeilen etc.).

In dieser Phase passen die Kinder ihre Sprache allmählich der Schriftsprache an.

Einen anderen Ansatz hierfür bietet DOWNING (1979). Die Kinder müssen 3 Aspekte vor dem Leseunterricht erfaßt haben:

Verständnis dafür, worin sich die Tätigkeit des Lesens von anderen Tätigkeiten unterscheidet,
ein Verständnis für das Ziel dem das Lesen dient (z.B.. das Lesen eines Verpackungsinhaltes) und
die Erfassung der Einheiten des Lesens (Wort, Buchstabe).
Des weiteren ist die metalinguistische Bewußtheit (=bewußte Kontrolle des sprachlichen Ausdrucks) ein wesentlicher Faktor für die Einsicht in die Funktion der Schrift.
Ab dem 5/6 Lebensjahr besteht die Fähigkeit sprachliche Vorgänge zu reflektieren (=metalinguistische Fähigkeit). Dies steht im engen Zusammenhang mit der kognitiven Entwicklung. Die Form der Mitteilung erfordert eine gewisse Kontrolle, die erst ab diesem Alter zu beobachten ist. Bei jüngeren Kinder ist die Aufmerksamkeit auf die ganze Situation gerichtet bis sie lernen zu selektieren.

Eine Gliederung der metalinguistischen Bewußtheit in vier allgemeine Kategoriren bezogen auf unterschiedliche Verarbeitungseinheiten wurde von TUNMER ET AL. (1984) vorgenommen:

phonologische Bewußtheit: Der Begriff beschreibt die Leistungen in einer Reihe von Aufgaben, welche die Isolierung von Einzellauten und die Manipulation mit der Lautfolge verlangt. Phoneme oder Silben stellen die basale Ebene der Sprachverarbeitung dar. Normalerweise ist ihre Verarbeitung soweit automatisiert, daß die Aufmerksamkeit nicht auf diese Ebene gerichtet wird. Grundlegend ist dabei die Einsicht, daß unsere Sprache nach dem alphabetischen Prinzip oder zumindest, daß Wörter aus Phonemen (kleineren Einheiten) aufgebaut sind.
Wortbewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit Wörter als Grundeinheit der sprachlichen Mitteilung anzusehen. Sie also unabhängig von ihrem zugehörigen Referenten und sie damit mit ihren speziellen Eigenschaften zu betrachten (Länge der Wörter unterscheiden, Sätze in Wörter aufgliedern, Synonyme und Antonyme finden). Eine Entwicklung findet hier im wesentlichen durch den Verweis auf die Schrift statt.
syntaktische Bewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit Verletzungen der korrekten Satzbildung erkennen und korrigieren können. Sie geht über die Fähigkeit grammatische Strukturformen bilden zu können hinaus, da sie auch das Erkennen eines fehlenden Wortes sowie falsche Satzstellung beinhaltet.

Kinder der ersten Klasse haben Schwierigkeiten Funktionswörter (=grammatikalische Partikel) von Inhaltswörtern abzutrennen, was sich in einer isolierten Aussprache der Funktionswörter äußert.

Pragmatische Bewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit auf die Verständlichkeit einer Mitteilung zu achten sowie die Fähigkeit Zusammenhänge zwischen mehreren Sätzen erkennen zu können, also auch der gesamten Struktur eines Textes.
Trotz eines engen zeitlichen Zusammentreffens dieser Entwicklungen scheint es eine phonologisch-syntaktisch-semantische Reihenfolge im Erreichen der bewußten Kontrolle des sprachlichen Ausdrucks zu geben.
Die Ausbildung der phonologischen Bewußtheit bereitet Schwierigkeiten, da sie eine Form der Sprachrepräsentation voraussetzt, nämlich -die systematische Verwendung von Phonemen-. Bis sich diese jedoch zu einer grundlegenden Routine entwickelt hat, müssen die Kinder in ständiger Reorganisation des Spracherwerbs eine Entwicklung durchlaufen haben.

Diese geht von "basale Gesten" (=globale Bewegungsentwürfe für die Artikulationsorgane) über eine ökonomische Aussprache hin zur Silbenbildung und Differenzierung zwischen An- und Auslaut. Ab dem 3ten Lebensjahr schließlich tritt eine stärkere Differenzierung zwischen den Phonemen ein.

Stufen der Entwicklung der phonologischen Bewußtheit sind nach MORAIS ET AL.:

Bedeutung von Wörtern außer acht zu lassen und die Konzentration nur auf die Lautfolge zu richten. In dieser Stufe wird eine besondere Sensibilität für Reime und Alliterationen (=Wiederholungen, wie "mehr Mozarella") deutlich.
phonetische Bewußtheit: Beachtung der Lautfolge, die für die perzeptuelle(=wahrnehmbare) Unterscheidung bedeutsam ist.
phonematische Bewußtheit: Repräsentation der Lautfolge als Folge von Phonemen im Sinne der Linguistik. Dies beinhaltet eine Systematisierung der Unterscheidung der Phonemfolgen und Differenzierung nur der Merkmale, die für die Unterscheidung von Wörtern bedeutsam sind.
Zusammenhang zwischen der Entwicklung der phonologischen Bewußtheit und dem Lesenlernen:

Die Annahme, daß die phonologische Bewußtheit eine Voraussetzung für das Lesenlernen ist wird von einigen Seiten bestritten.
Untersuchungen an Kindergartenkinder sowie an erwachsene Analphabeten haben in diesem Zusammenhang folgendes gezeigt: Die Kindergartenkinder konnten während man ihnen versuchsweise die Anfänge des lesens beigebracht hatte auch allmählich Wörter in Laute zergliedern, während erwachsene Analphabeten, die nie Unterricht im Lesen und Schreiben erhielten selbst einfachste Laut-Trennaufgaben von sinnlosen Silben nicht durchführen konnten.

Folglich hat die Vermittlung und Vergegenständlichung von Sprache zumindest eine auslösende Wirkung bei der Bewußtheit über Laute als Bestandteile der Sprache.

Trotzdem kann der phonologische Bewußtheit eine erleichternde Voraussetzung für das Lesenlernen zugesprochen werden:

Eine Studie aus Schweden hat gezeigt, daß Kinder die eine ansatzweise Lautsegmentierung vornehmen können größere Fortschritte im Leseunterricht machen. Diese Kinder wenden überdies die Graphem- Phonem- Zuordnung selbständiger auf neue Wörter an. Einschränkend kann daher der phonologischen Bewußtheit eine das Lesenlernen erleichternde Funktion zugesprochen werden.

Prüfung der phonologischen Bewußtheit:

Die Augaben zur Prüfung der phonologischen Bewußtheit haben alle gemeinsam, daß ihre Ausführung eine besondere Sensibilität für die Phonemfolge von Wörtern erfordert. Die Aufgaben hierzu bereiten den Kindern unterschiedliche Schwierigkeiten. Hieraus wurde ein Ansatz entwickelt, der für die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade der Aufgaben verantwortlich sein könnte. Folgende Faktoren sind dabei wesentlich:

Art der zu manipulierenden Laute
Position der Laute im Wort
Anzahl, der Elemente in die Worte zerlegt werden können
Art und Anzahl der vorzunehmenden Operationen.
Um die Schwierigkeiten der Kinder bei der Ausführung der Aufgaben besser verstehen zu können hat PERFETTI ET AL. (1987) ein Informationsverarbeitungsmodell für die Phonemsynthese entwickelt:
Zusammenzuschleifende Phoneme im Gedächtnis zwischenspeichern.
P. zu einer Wortähnlichen Form verbinden.
Verschlußlaute und ähnliches lösen.
Wörter werden mit der syntetisierten Phonemfolge verglichen und die richtige Alternative wird ausgewählt.
Der Beitrag von Trainingsexperimenten für das Verständniss der Rolle der phonologischen Bewußtheit:

In einem schwedischen Kindergarten wurde in einem intensiven Förderprogramm die phonologische Bewußtheit, die Fähigkeit Lautähnlichkeiten zwischen Wörtern zu erkennen sowie Wörter in Phoneme zu trennen trainiert. Es kam zu eine Verbesserung dieser Fertigkeiten und als Folge zu einem erleichterten Lesenlernen.

Rückkopplung zwischen dem Lesenlernen und der phonologischen Bewußtheit:

Beide Fähigkeiten scheinen sich in ständiger Rückkopplung auszubilden, wenn der Unterricht die Graphem-Phonem- Zuordnung bereits in der Anfangsphase einführt. Dies wird vermutet, da es in einem solchen Unterricht im Verlauf der ersten Klasse zu einem stetigen Zuwachs der Phonemanalyse und –synthese parallel zur Lesefertigkeit kommt.

Bei durchschnittlichen Lesern lassen sich zwei verschiedene Auswirkungen des Lesenlernens auf die phonologische Bewußtheit feststellen. Einerseits eine orthographische Ersatzstrategie und andererseits die tatsächliche Vertiefung der phonologischen Bewußtheit. Würde man aus dem Wort cold das "l" auslassen, dann wäre die orthographische Strategie cod ( mit kurzem "o"); die phonologische Strategie wäre code (mit langem "o").

Zusammenfassung: Phonologische Bewußtheit entsteht nur zu einem geringen Teil spontan. Der Leseunterricht und der Umgang mit der Schriftsprache bietet ein gutes Medium zur Förderung der phonologischen Bewußtheit.

Von Bedeutung sind die folgenden Fragen:

Welche Auswirkungen haben Übungen zu dieser Fähigkeit auf die phonologische Bewußtheit?

In wieweit sind solche Übungen für das Lesenlernen notwendig?

3.2. Gliederung des Lesenlernprozess in verschiedene Stadien

Im folgenden werden zwei Modelle zum Lesenlernprozess vorgestellt. Das erste Modell betont die parallelen zur allgemeinen kognitiven Entwicklung.
Stadium des linguistischen Ratens: Es können nur Wörter gelesen werden, die den Kindern bereits vorgestellt worden sind. Beim lesen stützen sich die kinder stark auf den Kontext, auf Bilder ebenso wie auf Satzrahmen.
Stadium des Diskriminierens statt Ratens: Es werden mehr Merkmale der Wörter verwendet (Anfangs- und Endbuchstabe, Wortlänge, hervorstechende Buchstaben).
Stadium des sequentiellen Dekodierens: Es wird beachtet, daß der Zusammenhang in dem die Grapheme vorkommen, die Zuordnung der Phoneme modifizieren kann.(vgl. Stadium der konkreten Operationen)
Stadium des hierarchischen Dekodierens: Das Wissen um die Regelmäßigkeit der Sprache kann in den Leseprozess miteingebracht werden. Dabei wird der unmittelbare Zusammenhang, Analogien (Wiederholungen) und das Wissen um den Morphenaufbau (Morphen=kleinste grammatikal. Einheit, z.B.: gut im Ggs. zu geh-t) beachtet.
Das zweite Modell von FRITH (1985) bezieht sich auf die Informationsverarbeitungstheorien beim Leseprozess.

Logographisches Stadium: Das Lesen beruht überwiegend auf der Vertrautheit mit einigen Wörtern. Globale visuelle Merkmale der Wörter werden zum erkennen dieser herangezogen. Die Buchstabenanordnung findet nur begrenzt Beachtung. Namen und Reklame-Logos werden von den meisten Kindern erkannt oder zumindest mit ihrer Bedeutung in Zusammenhang gebracht. Werden die charakteristischen Zeichen eines Logos jedoch verändert, kann dieses Wort nicht mehr gelesen werden.

Die Annahmen, daß zu Beginn des Lesenlernens notwendigerweise ein logographisches Stadium steht scheint nur für einige Kinder charakteristisch, die das Lesen über die Ganzwortmethode lernen. Jedoch wird selbst bei dieser Methode festgestellt, daß die Fortschritte der Kinder beim lesenlernen mit einer Einsicht in die Gliederung der Sprache und der Beherschung der Graphem -Phonem-Korrespondenz einhergehen.

Hier scheint es angemessener anzunehmen, daß die Kinder zu Beginn des Lesenlernens sehr rasch beginnen Graphem-Phonemzuordnungen die sie kennen beim erlesen der Wörter zur Hilfe nehmen. EHRI, der einige Untersuchungen im englischsprachigen Raum in diesem Bereich gemacht hat, bezeichnet diese Phase als phonetic cue reading.

 

Überdies ist im deutschsprachigen Raum der Leseunterricht durch ein frühzeitiges Bemühen um die Durchsichtigkeit der Graphem-Phonem -Korrespondenz gekennzeichnet. Von mehreren Autoren wurde hier eine schnelle Hinführung (also bereits in der Anfangsphase) zum selbstständigen erlesen neuer Wörter durch diese Methode festgestellt (MAY 1986, WIMMER und HUMMER 1990, KLICPERA und GASTEIGER-KLICPERA 1993). Sie betonen überdies, daß Kinder mit anfänglichen Leseschwierigkeiten ihre Fähigkeit neue Wörter zu erlesen über diese Methode deutlich verbessern konnten.

Phase der Reaktionsverweigerung: Lesefehler weisen vor und nach dieser Phase einen unterschiedlichen Charakter auf, welche einen erkennbaren Wesel der Lesestrategie verdeutlicht. Vorher: Lesefehler bestehen aus Wörtern, die die Kinder zuvor kennengelernt haben. Nacher´: Lesefehler weisen eine graphische Ähnlichkeit mit dem Zielwort auf. Beispielsweise können Wörter die gleich ausgesprochen werden aber eine unterschiedliche Schreibweise haben, und richtige Wörter nur schwer voneinander unterscheiden. (TAL – TAAL).

Alphabetisches Stadium: Die Kenntnis über Phoneme und Buchstaben sowie deren Zuordnung wird sytematisch zum lesen eingesetzt. Es wird also ein Wort Buchstabenweise erlesen. Das Wort wird durch die Aussprache die den einzelnen Graphemen zugeordnet werden erlesen. Die Buchstabenfolge wird demnach phonologisch aufgelöst. Der Übergang in dieses Stadium erfolgt erst durch eine Zunahme der bekannten Wörter, so daß das Erkennen der Wörter durch globale Merkmale nicht mehr ausreicht, um die Wörter zu unterscheiden.

Fortschritte in diesem Stadium beruhen nicht allein auf der Kenntnis der Graphem-Phonem-Zuordnung. Über dies muß das Zusammenspiel mit anderen Teilfertigkeiten, wie z.B. dem Dehnlesen berücksichtigt werden. In diesem Stadium läßt sich bei einigen Kindern in den ersten ein bis zwei Monaten der ersten Klasse ein hörbares Lautieren neuer Wörter von außen beobachten. Später machen die Kinder eine Pause vor einem neuen Wort und analysieren und lautieren die neuen Wörter innerlich bevor sie diese aussprechen.

Orthographisches Stadium: Die Wörter werden direkt und ohne phonologische Rekordierung erkannt (automatisiert). Das Erkennen läuft über die Buchstabenfolge ab, welche spezielle Eintragungen im orthografischen Lexikon (des Gehirns) aktiviert, womit schließlich die gelesenen Wörter identifiziert werden. Wahrscheinlich wird dieser Vorgang ökonomisiert, da im Gehirn die Wörter in kleinste Einheiten (Morpheme, Silben oder kleine Einheiten von häufig vorkommenden Buchstabenfolgen) gegliedert sind.

Der Übergang in dieses Stdium ist gekennzeichnet durch eine vollständige innerliche Repräsentation der Buchstabenfolge, die die REDUNDANZ der Schriftsprache nutzt. Dies bedeutet, daß auch komplexere Merkmale der Schrift beachtet werden, wie Silbenübergänge oder den Einfluß benachbarter Grapheme auf die Aussprache. Die einzelnen Vorgänge zur Orthographie, Aussprache und Bedeutung müssen im Gehirn eng miteinander verknüpft seinund wäre ei besonderes Charakteristikum des Lesenlernprozesses (Wortverschmelzungstheorie). Es kommt zu einer Automatisierung des Worterkennens, die sich mit einiger Sicherheit im lesen zeigen. Die Lesegeschwindigkeit folgt darauf und wird durch Übung gesteigert. Sichtbar wird die Verinnerlichung dieses Prozesses durch das Benennen von Zahlen, Buchstaben und Pseudowörtern in gleicher Geschwindigkeit.

Die Leseentwicklung entwickelt sich über einen relativ langen Zeitraum und bildet dabei verschiedene Teilfertigkeiten aus. Das Zusammenwirken dieser Teilfähigkeiten ermöglicht die Effiziens der Geschwindigkeit des Lesevorgangs. Diese Teilfertigkeiten umfassen in der untersten Ebene eine Fertigkeit in der Extraktion der Buchstabenmerkmale und die Zuordnung dieser Merkmale zu abstrakten Buchstabenschemata. Der wichtigste Aspekt der Lesefähigkeit ist die Entwicklung der phonologischen Rekodierung der Schrift und das sich entwickelnde Wissen um die Schreibprozesse von Wörtern. Bei der Untersuchung der Leselernprozesse hat sich gezeigt, daß sich die verschiedenen Kodierungsvorgänge beim Worterkennen parallel, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. Um das Optimum erreichen zu können, muß viel geübt und erfahren werden. Eine Einsicht in den Aufbau der Sprache und die Beziehung zwischen Schrift und Sprache wird dabei vorausgesetzt.

Als erstes müssen die Kinder lernen Phoneme als basale Einheiten bei der Zuordnung zwischen Schrift und mündlicher Sprache erfassen. In den letzten Jahren ist es populär geworden von Stufen bei der Aneignung bei der Schriftsprache zu sprechen. Zu Beginn des Lesenlernens steht die Aufgabe im Lesen ein ausreichendes Maß an Sicherheit und Geläufigkeit zu erlangen im Vordergrund. Dies wird durch des Erfassen des Graphem- Phonem- Zusammenhangs und dem Erlernen der phonologischen Rekodierung erreicht.

Es wird deutlich, daß die entscheidenden Veränderungen und Entwicklungen im Leseprozeß schon sehr früh einsetzen. Praktisch alle wichtigen Teilfertigkeiten werden bereits in der ersten Phase des Lesenlernens grundgelegt.

3.3 Allgemeine Kennzeichnung der Fortschritte beim Lesenlernen

Ein zeitintensiver Unterricht in der Schule bestimmt das Lesenlernen. An die Kinder wird die Erwartung gestellt, daß sie sich in den ersten beiden Schuljahren grundlegende Fertigkeiten für ein selbständiges Lesen aneignen. In den späteren Schuljahren sollen diese Fertigkeiten vertieft werden. Dies bedeutet, daß die Kinder im Lesen sicherer werden und sich die Lesegeschwindigkeit erhöht. In Längsschnittuntersuchungen können diese Faktoren nachgewiesen werden.
Im folgenden soll die Dynamik des Leselernprozesses beschrieben werden:

Von der unvollständigen Verwendung graphischer Hinweise zur vollständigen Ausnutzung der Graphem- Information: In den ersten Phasen der Leseentwicklung nutzen die Kinder nur Teilstücke der dargebotenen Buchstaben- Informationen. Sie konzentrieren sich hauptsächlich auf den Anfangsbuchstaben und die Wortlänge- später auch auf das Wortende. Wortinnerem wird nur wenig Beachtung geschenkt.
Vom phonologischen Rekodieren zum direkten lexikalischen Zugang: Laut Experten ist ein rascheres Worterkennen zu einem sprachlichen bzw. orthographischen Register dem fortgeschrittenen Leser möglich, nachdem das Erfassen des Sinns des Gelesenen nicht mehr durch phonologisches Rekodieren erforderlich ist.
Zunehmende Ausnutzung der orthographischen Redundanz: Verbunden mit den genannten Fortschritten sind die Kinder in der Lage überlegt beim Einsatz von vorhandenen Mitteln zu handeln. Die Rechtschreibung ist für das Verständnis von Wörtern- vorausgesetzt die verfügen über die spezifische Schreibweise nicht von Bedeutung.
Ausbildung effizienter Buchstabenschemata: Die Kinder sind mit zunehmender Erfahrung in der Lage die charakteristischen Merkmale der Buchstaben zu erkennen.
Zunehmende Berücksichtigung des Morphemaufbaus der Wörter: Kinder lernen mit der Zeit Wortstamm und Flexionsformen zu unterscheiden und zusammengesetzte Wörter zu untergliedern.
Automatisierung des Leseprozesses: Das Worterkennen wird immer weniger Zeitaufwendig und nur noch wenig Aufmerksamkeit wird zugenwendet.
Zunehmende Dekontextualisierung des Worterkennens: Der Leseanfänger schenkt dem Kontext große Beachtung. Mit zunehmender Lesefertigkeit vervollständigt sich das Wissen um die Wörter und wird damit unabhängig vom Kontext. Das Kind vesteht das einzelne Wort jetzt ohne das Drumherum zu kennen.
Im folgenden sollen nun die bereits angesprochenen Aspekte näher erläutert werden:


3.4 Die phonologische Rekodierung in der Leseentwicklung

Die phonologische Rekodierung dient als Zugangsweg zur Wortbedeutung und zum Erkennen von Wörtern, weil
Bereits vorhandenes sprachliches Wissen angewendet wird. Über die Lautfolge kann oft die Bedeutung der Wörter erfaßt werden und das phonologische Rekodieren gestattet den Kindern auch wenig bekannte Wörter zu lesen und zu erkennen ohne zu fragen wie dieses oder jenes Wort zu lesen sei.
Bei Erwachsenen ist die phonologische Rekodierung deutlich langsamer als der direkte lexikalische Vorgang. Deshalb benötigen sie diese indirekten Vermittler nicht. Kinder haben eine geringere Lesegeschwindigkeit und können somit auch langsamer eintreffende Informationen nutzen.
Das laute Lesen spielt eine große Rolle beim Lesenlernen. Durch Betonung des lauten Lesens setzen die Kinder die Buchstabenfolgen in Phoneme um und vermeiden es dadurch die Worte Bzw. deren Bedeutung aufgrund einiger Hinweise zu erraten.
Begünstigung der phonologischen Rekodierung durch die Graphem- Phonem- Zuordnung, die beim Lesenlernen besonders geschult wird. Die Regelmäßigkeit der Wörter hat Einfluß auf den Zugang zum Lexikon. Unregelmäßige Wörter werden bei der Anwendung des indirekten Zugangs ( prälexikalische phonologische Rekodierung) falsch gelesen. Hier führt nur der direkte Zugang zu einer korrekten Identifizierung.
Stärkere Nutzung dreier Arten von zusätzlichen Lautinformationen bei Kindern:
Unterteilung in Silben
Nutzung der Vokal- Information
Erleichterung der Sinnzuordnung durch zuvor erfolgte Vorgabe eines im Wort enthaltenen Lautes
Die phonologische Rekodierung wird solange angewendet bis die Geläufigkeit eines direkten lexikalischen Zugangs riesig groß ist.



3.5 Aneignung wortspezifischer Lesekenntnisse

Relativ früh erwerben Kinder das Wissen über die spezifische Schreibweise von Wörtern. Sie lernen, daß Wörter aus bestimmten Buchstabenfolgen aufgebaut sind und nutzen diese Information um die Wörter rascher zu erkennen und zu lesen. Zwei Systeme greifen hier ineinander: Zum einen die Graphem- Phonem Korrespondenz mit der Beherrschung der Phonemsynthese zur Rekonstruktion der phonologischen Wortgestalt. Zum anderen der Aufbau des wortspezifischen Wissens ( Wissen aus welchen Buchstaben Wörter zusammengesetzt werden.
Dennoch ist auch hier die phonologische Rekodierung von großer Bedeutung.

3.6 Der Einfluß der orthographischen Regelmäßigkeit währen der Leseentwicklung

Geübte Leser erkennen auch unbekannte bzw. Pseudowörter duch die Vertrautheit der Schreibweise vieler anderer Wörter. Diese Geläufigkeit kommt durch die phonologische Rekodierung und durch das Vorhandenseine eines orthographischen Lexikons ( mentale Scpeicherung der Buchstabenfolgen vertrauter Wörter).
Untersucht werden kann das orthographische Lexikon durch :

Buchstaben- Wortsuchaufgaben ( Rasches Suchen nach Buchstaben oder Buchstabengruppen, die in ein ähnlich schriftsprachliches System eingeordnet sind. Anwendung der orthographischen Regelmäßigkeit, sobald Buchstaben in Wörtern und Pseudowörtern rascher zu identifizieren sind als in zufälligen Buchstabengruppen.)
Wiedergabe tachistokopisch gezeigter Buchstabenfolgen ( Buchstaben werden kurzfristig gezeigt, danach sollen alle erfaßten Buchstaben niedergeschrieben werden. Um den Einfluß der orthographischen Regularität zu bestimmen, werden Buchstabenfolgen vorgegeben, die in unterschiedlichem Maß dem üblichen Muster der Schriftsprache entsprechen- z.B. sequentielle Redundanz.)
Lexikalische Entscheidungsaufgabe (Sensibilität für Positionsredundanz wird beobachtet.
Beurteilung der Ähnlichkeit von Buchstabenfolgen und Wörtern ( Bei dieser Aufgabe werden den Kindern jeweils zwei Buchstabenreihen mit verschiedener Annäherung an die sequentielle Regelmäßigkeit der Schriftsprache vorgelegt. Die Kinder sollen bestimmen, welche Buchstabenreihe der Schriftsprache ähnlicher ist.) Die Entwicklung des orthographischen Lexikons vollzieht sich gleichzeitig mit dem phonologischen Rekodieren.


3.7 Die Entwicklung der Buchstabenschemata

Worterkennung baut auf der Unterscheidung und Identifikation der Buchstaben auf. Hierzu benötigen die Kinder die Fähigkeit die Buchstaben an ihren Merkmalen zu unterscheiden. Am schwersten fällt den Kindern die Unterscheidung der Orientierung der Buchstaben. Dieser Faktor wird erst konsequent beachtet, wenn z. B. die Geschlossen- und Offenheit verschiedener Buchstabenformen oder anderer Formmerkmale beherrscht werden. Kleinbuchstaben können ihrer Orientierung wegen erst später richtig benannt werden als Großbuchstaben. Kinder benutzen zur Unterscheidung von Buchstaben immer gleich mehrere Merkmale gleichzeitig. Durch visuelle Ähnlichkeit werden diese dann in Gruppen eingeteilt.

3.8 Ausnutzung des Morphemaufbaus in Abhängigkeit vom Leseentwicklungszustand

Es ist sehr wahrscheinlich, daß eine Vertrautheit mit dem Morphemaufbau das Lesen unterstützt. Allerdings gibt es darüber fast keine genauen Beobachtungen.

3.9 Automatisierung des Worterkennens währen der Leseentwicklung

Der Fortschritt beim Lesenlernen liegt zum größten Teil in einer Automatisierung der Kodierungsprozesse. Zunächst besteht der zu verstehende Kode nur auch einzelnen Buchstabenmerkmalen. Später dann auch Buchstaben und zu guter letzt aus Buchstabengruppen und Wörtern. Die Bedeutung der Anzahl der Buchstaben für die Geschwindigkeit mit der Wörter identifiziert werden können, verliert allmählich an Bedeutung. Ein Merkmal der Automatisierung ist also die zunehmende Fähigkeit zur parallelen Verarbeitung mehrerer Buchstaben. Außerdem vollzieht sich dieser Prozeß ohne gezielte Hinwendung der Aufmerksamkeit. Zu Anfang der Leseentwicklung kommt es selbst bei Wörtern zu einer Interferenz ( Verlangsamung der Benennnungsgeschwindigkeit), die von den Kindern nur langsam und fehlerhaft gelesen werden können, allerdings ist eine minimale Geläufigkeit im Dekodieren einzelner Wörter Voraussetzung für ihr Auftreten. Hieraus kann man schlußfolgern, daß ein Zusammenhang zwischen einer gering vorhandenen Fähigkeit die Bedeutung von Wörtern zu erfassen und der Ausbildung der Automatisierung der Sinnerfassung bestehen muß. Eine automatische Erfassung der Bedeutung von Wörtern bildet sich früher heraus, als die Lesegeläufigkeit.

3.10 Entwicklung des Kontexteinflusse beim Erkennen von Wörtern

Der geübte Leser kann laut einiger Lesetheorien einen Text in größeren Einheiten lesen. Der Einfluß des Kontexts sollte nach diesen Vorstellungen im Lauf der Leseentwicklung zunehmend bedeutsam werden. Beim geübten Leser würde demnach die Aktivität der semantischen Ebene für das Lesen genutzt. Nach diesen Thesen müßte der kontext bei Erwachsenen einen größeren Einfluß auf das Erkennen von Wörtern haben, die am Satzende stehen, als bei Kindern. Dies wurde aber in Experimenten widerlegt. Mit zunehmender Lesefertigkeit wird das Wissen um die Wörter immer vollständiger und vom Kontext unabhängiger.

Literatur: Klicpera & Gasteiger - Klicpera: Phychologie der Lese und Rechtschreibschwierigkeiten

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