Trotzkopf: Erziehung, Erziehungstipps für Eltern und Lesen lernen
Spezial: Lesenlernen
Ein Beitrag von Tanja Ehrhardt
Ausgangspunkt des Folgenden sind die allgemeinen Merkmale des Erlernens
einer jeden Fertigkeit.
Allgemeine Merkmale des Lernens einer Fertigkeit:
kognitive Phase: Stadium des Herausfindens, was
in einer neuen Situation zu tun ist.
Übungsphase: Übung bis zur fast fehlerlosen Ausführung
einer Aufgabe
Nach vielfacher Wiederholung sind die geübten Prozesse automatisiert.
Analog dieser Betrachtungsweise wird dargestellt, wie sich bei Kindern
die allmähliche Einsicht in die Merkmale der Schriftsprache entwickelt.
Eine wesentliche Voraussetzung ist hierbei die....
3.1. Einsicht in die Funktion und Struktur der Schrift.
Hierbei wird die Sensibilität für Merkmale schriftlicher Texte
als eine Vorstufe des Lesenlernens betrachtet. Hierunter versteht man
das Vorlesen von Geschichten in den Familien und die damit jeweils verbundenen
speziellen Routinen, durch welche die Kinder in den Leseprozess seitens
der Eltern miteinbezogen werden. Dies führt dazu, daß Kinder
beim Nachahmen der Vorlesesituation der Situation des konventionellen
Lesens annähern. Dies äußert sich durch:
die Wiedergabe der Geschichte durch aufgreifen von Geschriebenen und
eine allmähliche Anpassung an den Sprachstil geschriebener Texte
in Wortwahl, Intonation sowie bestimmten Merkmalen der Schriftsprache.
Weiterhon ist die Einsicht in die Funktion und Struktur der Schrift gekennzeichnet
durch die Entwicklung des Veständnisses von der Tätigkeit lesen.
Kinder entwickeln nur allmählich Einsicht in das was beim lesen eigentlich
geschieht. Auf die Frage was Eltern tun, wenn sie lesen beschreiben Kinder
im Vorschulalter meist nur das äußerlich sichtbare Verhalten
der Eltern. Hierbei wird kein Bezug zur Schrift hergestellt (Die Eltern
setzen sich nieder usw.).
Buchstaben werden von den Kindern lange als Objekte
betrachtet, wie Gegenstände die sie in Ihrer Umwelt vorfinden.
Sobald sie feststellen, daß ein Unterschied zwischen
Zeichnungen und Buchstaben besteht beginnen sie sich mit dem speziellen
Charakter der Buchstaben auseinanderzusetzen.
Diese Übergangsstufe ist gekennzeichnet dadurch,
daß die Kinder feststellen, daß die Buchstaben die Dinge mit
Namen beschreiben. Die Kinder denken in diesem Stadium, daß nur
abbildbare Gegenstände durch die Schrift wiedergegeben werden.
Ein weiterer Schritt in die Einsicht der Funktion und
Struktur der Schrift stellt die Entwicklung von Konzepten über die
Schrift (im Verlauf des Leseunterrichts) dar:
Voraussetzung hierfür ist nach CLAY (1972) das
Verständnis dafür, daß gesprochene Sprache in Schriftsprache
umgesetzt werden kann. Hiermit ist verbunden, daß die Kinder begreifen,
daß Schrift nur in einer gewissen Anordnung ihren Sinn erfüllt
und sie die globalen Merkmale der Schrift erfassen (Wörter, Zeilen
etc.).
In dieser Phase passen die Kinder ihre Sprache allmählich
der Schriftsprache an.
Einen anderen Ansatz hierfür bietet DOWNING (1979).
Die Kinder müssen 3 Aspekte vor dem Leseunterricht erfaßt haben:
Verständnis dafür, worin sich die Tätigkeit
des Lesens von anderen Tätigkeiten unterscheidet,
ein Verständnis für das Ziel dem das Lesen dient (z.B.. das
Lesen eines Verpackungsinhaltes) und
die Erfassung der Einheiten des Lesens (Wort, Buchstabe).
Des weiteren ist die metalinguistische Bewußtheit (=bewußte
Kontrolle des sprachlichen Ausdrucks) ein wesentlicher Faktor für
die Einsicht in die Funktion der Schrift.
Ab dem 5/6 Lebensjahr besteht die Fähigkeit sprachliche Vorgänge
zu reflektieren (=metalinguistische Fähigkeit). Dies steht im engen
Zusammenhang mit der kognitiven Entwicklung. Die Form der Mitteilung erfordert
eine gewisse Kontrolle, die erst ab diesem Alter zu beobachten ist. Bei
jüngeren Kinder ist die Aufmerksamkeit auf die ganze Situation gerichtet
bis sie lernen zu selektieren.
Eine Gliederung der metalinguistischen Bewußtheit
in vier allgemeine Kategoriren bezogen auf unterschiedliche Verarbeitungseinheiten
wurde von TUNMER ET AL. (1984) vorgenommen:
phonologische Bewußtheit: Der Begriff beschreibt
die Leistungen in einer Reihe von Aufgaben, welche die Isolierung von
Einzellauten und die Manipulation mit der Lautfolge verlangt. Phoneme
oder Silben stellen die basale Ebene der Sprachverarbeitung dar. Normalerweise
ist ihre Verarbeitung soweit automatisiert, daß die Aufmerksamkeit
nicht auf diese Ebene gerichtet wird. Grundlegend ist dabei die Einsicht,
daß unsere Sprache nach dem alphabetischen Prinzip oder zumindest,
daß Wörter aus Phonemen (kleineren Einheiten) aufgebaut sind.
Wortbewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit Wörter als
Grundeinheit der sprachlichen Mitteilung anzusehen. Sie also unabhängig
von ihrem zugehörigen Referenten und sie damit mit ihren speziellen
Eigenschaften zu betrachten (Länge der Wörter unterscheiden,
Sätze in Wörter aufgliedern, Synonyme und Antonyme finden).
Eine Entwicklung findet hier im wesentlichen durch den Verweis auf die
Schrift statt.
syntaktische Bewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit Verletzungen
der korrekten Satzbildung erkennen und korrigieren können. Sie geht
über die Fähigkeit grammatische Strukturformen bilden zu können
hinaus, da sie auch das Erkennen eines fehlenden Wortes sowie falsche
Satzstellung beinhaltet.
Kinder der ersten Klasse haben Schwierigkeiten Funktionswörter
(=grammatikalische Partikel) von Inhaltswörtern abzutrennen, was
sich in einer isolierten Aussprache der Funktionswörter äußert.
Pragmatische Bewußtheit: Sie beschreibt die Fähigkeit
auf die Verständlichkeit einer Mitteilung zu achten sowie die Fähigkeit
Zusammenhänge zwischen mehreren Sätzen erkennen zu können,
also auch der gesamten Struktur eines Textes.
Trotz eines engen zeitlichen Zusammentreffens dieser Entwicklungen scheint
es eine phonologisch-syntaktisch-semantische Reihenfolge im Erreichen
der bewußten Kontrolle des sprachlichen Ausdrucks zu geben.
Die Ausbildung der phonologischen Bewußtheit bereitet Schwierigkeiten,
da sie eine Form der Sprachrepräsentation voraussetzt, nämlich
-die systematische Verwendung von Phonemen-. Bis sich diese jedoch zu
einer grundlegenden Routine entwickelt hat, müssen die Kinder in
ständiger Reorganisation des Spracherwerbs eine Entwicklung durchlaufen
haben.
Diese geht von "basale Gesten" (=globale Bewegungsentwürfe
für die Artikulationsorgane) über eine ökonomische Aussprache
hin zur Silbenbildung und Differenzierung zwischen An- und Auslaut. Ab
dem 3ten Lebensjahr schließlich tritt eine stärkere Differenzierung
zwischen den Phonemen ein.
Stufen der Entwicklung der phonologischen Bewußtheit
sind nach MORAIS ET AL.:
Bedeutung von Wörtern außer acht zu lassen
und die Konzentration nur auf die Lautfolge zu richten. In dieser Stufe
wird eine besondere Sensibilität für Reime und Alliterationen
(=Wiederholungen, wie "mehr Mozarella") deutlich.
phonetische Bewußtheit: Beachtung der Lautfolge, die für die
perzeptuelle(=wahrnehmbare) Unterscheidung bedeutsam ist.
phonematische Bewußtheit: Repräsentation der Lautfolge als
Folge von Phonemen im Sinne der Linguistik. Dies beinhaltet eine Systematisierung
der Unterscheidung der Phonemfolgen und Differenzierung nur der Merkmale,
die für die Unterscheidung von Wörtern bedeutsam sind.
Zusammenhang zwischen der Entwicklung der phonologischen Bewußtheit
und dem Lesenlernen:
Die Annahme, daß die phonologische Bewußtheit eine Voraussetzung
für das Lesenlernen ist wird von einigen Seiten bestritten.
Untersuchungen an Kindergartenkinder sowie an erwachsene Analphabeten
haben in diesem Zusammenhang folgendes gezeigt: Die Kindergartenkinder
konnten während man ihnen versuchsweise die Anfänge des lesens
beigebracht hatte auch allmählich Wörter in Laute zergliedern,
während erwachsene Analphabeten, die nie Unterricht im Lesen und
Schreiben erhielten selbst einfachste Laut-Trennaufgaben von sinnlosen
Silben nicht durchführen konnten.
Folglich hat die Vermittlung und Vergegenständlichung
von Sprache zumindest eine auslösende Wirkung bei der Bewußtheit
über Laute als Bestandteile der Sprache.
Trotzdem kann der phonologische Bewußtheit eine
erleichternde Voraussetzung für das Lesenlernen zugesprochen werden:
Eine Studie aus Schweden hat gezeigt, daß Kinder
die eine ansatzweise Lautsegmentierung vornehmen können größere
Fortschritte im Leseunterricht machen. Diese Kinder wenden überdies
die Graphem- Phonem- Zuordnung selbständiger auf neue Wörter
an. Einschränkend kann daher der phonologischen Bewußtheit
eine das Lesenlernen erleichternde Funktion zugesprochen werden.
Prüfung der phonologischen Bewußtheit:
Die Augaben zur Prüfung der phonologischen Bewußtheit
haben alle gemeinsam, daß ihre Ausführung eine besondere Sensibilität
für die Phonemfolge von Wörtern erfordert. Die Aufgaben hierzu
bereiten den Kindern unterschiedliche Schwierigkeiten. Hieraus wurde ein
Ansatz entwickelt, der für die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade
der Aufgaben verantwortlich sein könnte. Folgende Faktoren sind dabei
wesentlich:
Art der zu manipulierenden Laute
Position der Laute im Wort
Anzahl, der Elemente in die Worte zerlegt werden können
Art und Anzahl der vorzunehmenden Operationen.
Um die Schwierigkeiten der Kinder bei der Ausführung der Aufgaben
besser verstehen zu können hat PERFETTI ET AL. (1987) ein Informationsverarbeitungsmodell
für die Phonemsynthese entwickelt:
Zusammenzuschleifende Phoneme im Gedächtnis zwischenspeichern.
P. zu einer Wortähnlichen Form verbinden.
Verschlußlaute und ähnliches lösen.
Wörter werden mit der syntetisierten Phonemfolge verglichen und die
richtige Alternative wird ausgewählt.
Der Beitrag von Trainingsexperimenten für das Verständniss der
Rolle der phonologischen Bewußtheit:
In einem schwedischen Kindergarten wurde in einem intensiven
Förderprogramm die phonologische Bewußtheit, die Fähigkeit
Lautähnlichkeiten zwischen Wörtern zu erkennen sowie Wörter
in Phoneme zu trennen trainiert. Es kam zu eine Verbesserung dieser Fertigkeiten
und als Folge zu einem erleichterten Lesenlernen.
Rückkopplung zwischen dem Lesenlernen und der phonologischen
Bewußtheit:
Beide Fähigkeiten scheinen sich in ständiger
Rückkopplung auszubilden, wenn der Unterricht die Graphem-Phonem-
Zuordnung bereits in der Anfangsphase einführt. Dies wird vermutet,
da es in einem solchen Unterricht im Verlauf der ersten Klasse zu einem
stetigen Zuwachs der Phonemanalyse und synthese parallel zur Lesefertigkeit
kommt.
Bei durchschnittlichen Lesern lassen sich zwei verschiedene
Auswirkungen des Lesenlernens auf die phonologische Bewußtheit feststellen.
Einerseits eine orthographische Ersatzstrategie und andererseits die tatsächliche
Vertiefung der phonologischen Bewußtheit. Würde man aus dem
Wort cold das "l" auslassen, dann wäre die orthographische
Strategie cod ( mit kurzem "o"); die phonologische Strategie
wäre code (mit langem "o").
Zusammenfassung: Phonologische Bewußtheit entsteht
nur zu einem geringen Teil spontan. Der Leseunterricht und der Umgang
mit der Schriftsprache bietet ein gutes Medium zur Förderung der
phonologischen Bewußtheit.
Von Bedeutung sind die folgenden Fragen:
Welche Auswirkungen haben Übungen zu dieser Fähigkeit
auf die phonologische Bewußtheit?
In wieweit sind solche Übungen für das Lesenlernen
notwendig?
3.2. Gliederung des Lesenlernprozess in verschiedene
Stadien
Im folgenden werden zwei Modelle zum Lesenlernprozess vorgestellt. Das
erste Modell betont die parallelen zur allgemeinen kognitiven Entwicklung.
Stadium des linguistischen Ratens: Es können nur Wörter gelesen
werden, die den Kindern bereits vorgestellt worden sind. Beim lesen stützen
sich die kinder stark auf den Kontext, auf Bilder ebenso wie auf Satzrahmen.
Stadium des Diskriminierens statt Ratens: Es werden mehr Merkmale der
Wörter verwendet (Anfangs- und Endbuchstabe, Wortlänge, hervorstechende
Buchstaben).
Stadium des sequentiellen Dekodierens: Es wird beachtet, daß der
Zusammenhang in dem die Grapheme vorkommen, die Zuordnung der Phoneme
modifizieren kann.(vgl. Stadium der konkreten Operationen)
Stadium des hierarchischen Dekodierens: Das Wissen um die Regelmäßigkeit
der Sprache kann in den Leseprozess miteingebracht werden. Dabei wird
der unmittelbare Zusammenhang, Analogien (Wiederholungen) und das Wissen
um den Morphenaufbau (Morphen=kleinste grammatikal. Einheit, z.B.: gut
im Ggs. zu geh-t) beachtet.
Das zweite Modell von FRITH (1985) bezieht sich auf die Informationsverarbeitungstheorien
beim Leseprozess.
Logographisches Stadium: Das Lesen beruht überwiegend auf der Vertrautheit
mit einigen Wörtern. Globale visuelle Merkmale der Wörter werden
zum erkennen dieser herangezogen. Die Buchstabenanordnung findet nur begrenzt
Beachtung. Namen und Reklame-Logos werden von den meisten Kindern erkannt
oder zumindest mit ihrer Bedeutung in Zusammenhang gebracht. Werden die
charakteristischen Zeichen eines Logos jedoch verändert, kann dieses
Wort nicht mehr gelesen werden.
Die Annahmen, daß zu Beginn des Lesenlernens notwendigerweise
ein logographisches Stadium steht scheint nur für einige Kinder charakteristisch,
die das Lesen über die Ganzwortmethode lernen. Jedoch wird selbst
bei dieser Methode festgestellt, daß die Fortschritte der Kinder
beim lesenlernen mit einer Einsicht in die Gliederung der Sprache und
der Beherschung der Graphem -Phonem-Korrespondenz einhergehen.
Hier scheint es angemessener anzunehmen, daß die Kinder zu Beginn
des Lesenlernens sehr rasch beginnen Graphem-Phonemzuordnungen die sie
kennen beim erlesen der Wörter zur Hilfe nehmen. EHRI, der einige
Untersuchungen im englischsprachigen Raum in diesem Bereich gemacht hat,
bezeichnet diese Phase als phonetic cue reading.
Überdies ist im deutschsprachigen Raum der Leseunterricht
durch ein frühzeitiges Bemühen um die Durchsichtigkeit der Graphem-Phonem
-Korrespondenz gekennzeichnet. Von mehreren Autoren wurde hier eine schnelle
Hinführung (also bereits in der Anfangsphase) zum selbstständigen
erlesen neuer Wörter durch diese Methode festgestellt (MAY 1986,
WIMMER und HUMMER 1990, KLICPERA und GASTEIGER-KLICPERA 1993). Sie betonen
überdies, daß Kinder mit anfänglichen Leseschwierigkeiten
ihre Fähigkeit neue Wörter zu erlesen über diese Methode
deutlich verbessern konnten.
Phase der Reaktionsverweigerung: Lesefehler weisen vor
und nach dieser Phase einen unterschiedlichen Charakter auf, welche einen
erkennbaren Wesel der Lesestrategie verdeutlicht. Vorher: Lesefehler bestehen
aus Wörtern, die die Kinder zuvor kennengelernt haben. Nacher´:
Lesefehler weisen eine graphische Ähnlichkeit mit dem Zielwort auf.
Beispielsweise können Wörter die gleich ausgesprochen werden
aber eine unterschiedliche Schreibweise haben, und richtige Wörter
nur schwer voneinander unterscheiden. (TAL TAAL).
Alphabetisches Stadium: Die Kenntnis über Phoneme
und Buchstaben sowie deren Zuordnung wird sytematisch zum lesen eingesetzt.
Es wird also ein Wort Buchstabenweise erlesen. Das Wort wird durch die
Aussprache die den einzelnen Graphemen zugeordnet werden erlesen. Die
Buchstabenfolge wird demnach phonologisch aufgelöst. Der Übergang
in dieses Stadium erfolgt erst durch eine Zunahme der bekannten Wörter,
so daß das Erkennen der Wörter durch globale Merkmale nicht
mehr ausreicht, um die Wörter zu unterscheiden.
Fortschritte in diesem Stadium beruhen nicht allein
auf der Kenntnis der Graphem-Phonem-Zuordnung. Über dies muß
das Zusammenspiel mit anderen Teilfertigkeiten, wie z.B. dem Dehnlesen
berücksichtigt werden. In diesem Stadium läßt sich bei
einigen Kindern in den ersten ein bis zwei Monaten der ersten Klasse ein
hörbares Lautieren neuer Wörter von außen beobachten.
Später machen die Kinder eine Pause vor einem neuen Wort und analysieren
und lautieren die neuen Wörter innerlich bevor sie diese aussprechen.
Orthographisches Stadium: Die Wörter werden direkt
und ohne phonologische Rekordierung erkannt (automatisiert). Das Erkennen
läuft über die Buchstabenfolge ab, welche spezielle Eintragungen
im orthografischen Lexikon (des Gehirns) aktiviert, womit schließlich
die gelesenen Wörter identifiziert werden. Wahrscheinlich wird dieser
Vorgang ökonomisiert, da im Gehirn die Wörter in kleinste Einheiten
(Morpheme, Silben oder kleine Einheiten von häufig vorkommenden Buchstabenfolgen)
gegliedert sind.
Der Übergang in dieses Stdium ist gekennzeichnet
durch eine vollständige innerliche Repräsentation der Buchstabenfolge,
die die REDUNDANZ der Schriftsprache nutzt. Dies bedeutet, daß auch
komplexere Merkmale der Schrift beachtet werden, wie Silbenübergänge
oder den Einfluß benachbarter Grapheme auf die Aussprache. Die einzelnen
Vorgänge zur Orthographie, Aussprache und Bedeutung müssen im
Gehirn eng miteinander verknüpft seinund wäre ei besonderes
Charakteristikum des Lesenlernprozesses (Wortverschmelzungstheorie). Es
kommt zu einer Automatisierung des Worterkennens, die sich mit einiger
Sicherheit im lesen zeigen. Die Lesegeschwindigkeit folgt darauf und wird
durch Übung gesteigert. Sichtbar wird die Verinnerlichung dieses
Prozesses durch das Benennen von Zahlen, Buchstaben und Pseudowörtern
in gleicher Geschwindigkeit.
Die Leseentwicklung entwickelt sich über einen
relativ langen Zeitraum und bildet dabei verschiedene Teilfertigkeiten
aus. Das Zusammenwirken dieser Teilfähigkeiten ermöglicht die
Effiziens der Geschwindigkeit des Lesevorgangs. Diese Teilfertigkeiten
umfassen in der untersten Ebene eine Fertigkeit in der Extraktion der
Buchstabenmerkmale und die Zuordnung dieser Merkmale zu abstrakten Buchstabenschemata.
Der wichtigste Aspekt der Lesefähigkeit ist die Entwicklung der phonologischen
Rekodierung der Schrift und das sich entwickelnde Wissen um die Schreibprozesse
von Wörtern. Bei der Untersuchung der Leselernprozesse hat sich gezeigt,
daß sich die verschiedenen Kodierungsvorgänge beim Worterkennen
parallel, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. Um
das Optimum erreichen zu können, muß viel geübt und erfahren
werden. Eine Einsicht in den Aufbau der Sprache und die Beziehung zwischen
Schrift und Sprache wird dabei vorausgesetzt.
Als erstes müssen die Kinder lernen Phoneme als
basale Einheiten bei der Zuordnung zwischen Schrift und mündlicher
Sprache erfassen. In den letzten Jahren ist es populär geworden von
Stufen bei der Aneignung bei der Schriftsprache zu sprechen. Zu Beginn
des Lesenlernens steht die Aufgabe im Lesen ein ausreichendes Maß
an Sicherheit und Geläufigkeit zu erlangen im Vordergrund. Dies wird
durch des Erfassen des Graphem- Phonem- Zusammenhangs und dem Erlernen
der phonologischen Rekodierung erreicht.
Es wird deutlich, daß die entscheidenden Veränderungen
und Entwicklungen im Leseprozeß schon sehr früh einsetzen.
Praktisch alle wichtigen Teilfertigkeiten werden bereits in der ersten
Phase des Lesenlernens grundgelegt.
3.3 Allgemeine Kennzeichnung der Fortschritte beim Lesenlernen
Ein zeitintensiver Unterricht in der Schule bestimmt das Lesenlernen.
An die Kinder wird die Erwartung gestellt, daß sie sich in den ersten
beiden Schuljahren grundlegende Fertigkeiten für ein selbständiges
Lesen aneignen. In den späteren Schuljahren sollen diese Fertigkeiten
vertieft werden. Dies bedeutet, daß die Kinder im Lesen sicherer
werden und sich die Lesegeschwindigkeit erhöht. In Längsschnittuntersuchungen
können diese Faktoren nachgewiesen werden.
Im folgenden soll die Dynamik des Leselernprozesses beschrieben werden:
Von der unvollständigen Verwendung graphischer
Hinweise zur vollständigen Ausnutzung der Graphem- Information: In
den ersten Phasen der Leseentwicklung nutzen die Kinder nur Teilstücke
der dargebotenen Buchstaben- Informationen. Sie konzentrieren sich hauptsächlich
auf den Anfangsbuchstaben und die Wortlänge- später auch auf
das Wortende. Wortinnerem wird nur wenig Beachtung geschenkt.
Vom phonologischen Rekodieren zum direkten lexikalischen Zugang: Laut
Experten ist ein rascheres Worterkennen zu einem sprachlichen bzw. orthographischen
Register dem fortgeschrittenen Leser möglich, nachdem das Erfassen
des Sinns des Gelesenen nicht mehr durch phonologisches Rekodieren erforderlich
ist.
Zunehmende Ausnutzung der orthographischen Redundanz: Verbunden mit den
genannten Fortschritten sind die Kinder in der Lage überlegt beim
Einsatz von vorhandenen Mitteln zu handeln. Die Rechtschreibung ist für
das Verständnis von Wörtern- vorausgesetzt die verfügen
über die spezifische Schreibweise nicht von Bedeutung.
Ausbildung effizienter Buchstabenschemata: Die Kinder sind mit zunehmender
Erfahrung in der Lage die charakteristischen Merkmale der Buchstaben zu
erkennen.
Zunehmende Berücksichtigung des Morphemaufbaus der Wörter: Kinder
lernen mit der Zeit Wortstamm und Flexionsformen zu unterscheiden und
zusammengesetzte Wörter zu untergliedern.
Automatisierung des Leseprozesses: Das Worterkennen wird immer weniger
Zeitaufwendig und nur noch wenig Aufmerksamkeit wird zugenwendet.
Zunehmende Dekontextualisierung des Worterkennens: Der Leseanfänger
schenkt dem Kontext große Beachtung. Mit zunehmender Lesefertigkeit
vervollständigt sich das Wissen um die Wörter und wird damit
unabhängig vom Kontext. Das Kind vesteht das einzelne Wort jetzt
ohne das Drumherum zu kennen.
Im folgenden sollen nun die bereits angesprochenen Aspekte näher
erläutert werden:
3.4 Die phonologische Rekodierung in der Leseentwicklung
Die phonologische Rekodierung dient als Zugangsweg zur Wortbedeutung und
zum Erkennen von Wörtern, weil
Bereits vorhandenes sprachliches Wissen angewendet wird. Über die
Lautfolge kann oft die Bedeutung der Wörter erfaßt werden und
das phonologische Rekodieren gestattet den Kindern auch wenig bekannte
Wörter zu lesen und zu erkennen ohne zu fragen wie dieses oder jenes
Wort zu lesen sei.
Bei Erwachsenen ist die phonologische Rekodierung deutlich langsamer als
der direkte lexikalische Vorgang. Deshalb benötigen sie diese indirekten
Vermittler nicht. Kinder haben eine geringere Lesegeschwindigkeit und
können somit auch langsamer eintreffende Informationen nutzen.
Das laute Lesen spielt eine große Rolle beim Lesenlernen. Durch
Betonung des lauten Lesens setzen die Kinder die Buchstabenfolgen in Phoneme
um und vermeiden es dadurch die Worte Bzw. deren Bedeutung aufgrund einiger
Hinweise zu erraten.
Begünstigung der phonologischen Rekodierung durch die Graphem- Phonem-
Zuordnung, die beim Lesenlernen besonders geschult wird. Die Regelmäßigkeit
der Wörter hat Einfluß auf den Zugang zum Lexikon. Unregelmäßige
Wörter werden bei der Anwendung des indirekten Zugangs ( prälexikalische
phonologische Rekodierung) falsch gelesen. Hier führt nur der direkte
Zugang zu einer korrekten Identifizierung.
Stärkere Nutzung dreier Arten von zusätzlichen Lautinformationen
bei Kindern:
Unterteilung in Silben
Nutzung der Vokal- Information
Erleichterung der Sinnzuordnung durch zuvor erfolgte Vorgabe eines im
Wort enthaltenen Lautes
Die phonologische Rekodierung wird solange angewendet bis die Geläufigkeit
eines direkten lexikalischen Zugangs riesig groß ist.
3.5 Aneignung wortspezifischer Lesekenntnisse
Relativ früh erwerben Kinder das Wissen über die spezifische
Schreibweise von Wörtern. Sie lernen, daß Wörter aus bestimmten
Buchstabenfolgen aufgebaut sind und nutzen diese Information um die Wörter
rascher zu erkennen und zu lesen. Zwei Systeme greifen hier ineinander:
Zum einen die Graphem- Phonem Korrespondenz mit der Beherrschung der Phonemsynthese
zur Rekonstruktion der phonologischen Wortgestalt. Zum anderen der Aufbau
des wortspezifischen Wissens ( Wissen aus welchen Buchstaben Wörter
zusammengesetzt werden.
Dennoch ist auch hier die phonologische Rekodierung von großer Bedeutung.
3.6 Der Einfluß der orthographischen Regelmäßigkeit
währen der Leseentwicklung
Geübte Leser erkennen auch unbekannte bzw. Pseudowörter duch
die Vertrautheit der Schreibweise vieler anderer Wörter. Diese Geläufigkeit
kommt durch die phonologische Rekodierung und durch das Vorhandenseine
eines orthographischen Lexikons ( mentale Scpeicherung der Buchstabenfolgen
vertrauter Wörter).
Untersucht werden kann das orthographische Lexikon durch :
Buchstaben- Wortsuchaufgaben ( Rasches Suchen nach Buchstaben
oder Buchstabengruppen, die in ein ähnlich schriftsprachliches System
eingeordnet sind. Anwendung der orthographischen Regelmäßigkeit,
sobald Buchstaben in Wörtern und Pseudowörtern rascher zu identifizieren
sind als in zufälligen Buchstabengruppen.)
Wiedergabe tachistokopisch gezeigter Buchstabenfolgen ( Buchstaben werden
kurzfristig gezeigt, danach sollen alle erfaßten Buchstaben niedergeschrieben
werden. Um den Einfluß der orthographischen Regularität zu
bestimmen, werden Buchstabenfolgen vorgegeben, die in unterschiedlichem
Maß dem üblichen Muster der Schriftsprache entsprechen- z.B.
sequentielle Redundanz.)
Lexikalische Entscheidungsaufgabe (Sensibilität für Positionsredundanz
wird beobachtet.
Beurteilung der Ähnlichkeit von Buchstabenfolgen und Wörtern
( Bei dieser Aufgabe werden den Kindern jeweils zwei Buchstabenreihen
mit verschiedener Annäherung an die sequentielle Regelmäßigkeit
der Schriftsprache vorgelegt. Die Kinder sollen bestimmen, welche Buchstabenreihe
der Schriftsprache ähnlicher ist.) Die Entwicklung des orthographischen
Lexikons vollzieht sich gleichzeitig mit dem phonologischen Rekodieren.
3.7 Die Entwicklung der Buchstabenschemata
Worterkennung baut auf der Unterscheidung und Identifikation der Buchstaben
auf. Hierzu benötigen die Kinder die Fähigkeit die Buchstaben
an ihren Merkmalen zu unterscheiden. Am schwersten fällt den Kindern
die Unterscheidung der Orientierung der Buchstaben. Dieser Faktor wird
erst konsequent beachtet, wenn z. B. die Geschlossen- und Offenheit verschiedener
Buchstabenformen oder anderer Formmerkmale beherrscht werden. Kleinbuchstaben
können ihrer Orientierung wegen erst später richtig benannt
werden als Großbuchstaben. Kinder benutzen zur Unterscheidung von
Buchstaben immer gleich mehrere Merkmale gleichzeitig. Durch visuelle
Ähnlichkeit werden diese dann in Gruppen eingeteilt.
3.8 Ausnutzung des Morphemaufbaus in Abhängigkeit vom Leseentwicklungszustand
Es ist sehr wahrscheinlich, daß eine Vertrautheit mit dem Morphemaufbau
das Lesen unterstützt. Allerdings gibt es darüber fast keine
genauen Beobachtungen.
3.9 Automatisierung des Worterkennens währen der Leseentwicklung
Der Fortschritt beim Lesenlernen liegt zum größten Teil in
einer Automatisierung der Kodierungsprozesse. Zunächst besteht der
zu verstehende Kode nur auch einzelnen Buchstabenmerkmalen. Später
dann auch Buchstaben und zu guter letzt aus Buchstabengruppen und Wörtern.
Die Bedeutung der Anzahl der Buchstaben für die Geschwindigkeit mit
der Wörter identifiziert werden können, verliert allmählich
an Bedeutung. Ein Merkmal der Automatisierung ist also die zunehmende
Fähigkeit zur parallelen Verarbeitung mehrerer Buchstaben. Außerdem
vollzieht sich dieser Prozeß ohne gezielte Hinwendung der Aufmerksamkeit.
Zu Anfang der Leseentwicklung kommt es selbst bei Wörtern zu einer
Interferenz ( Verlangsamung der Benennnungsgeschwindigkeit), die von den
Kindern nur langsam und fehlerhaft gelesen werden können, allerdings
ist eine minimale Geläufigkeit im Dekodieren einzelner Wörter
Voraussetzung für ihr Auftreten. Hieraus kann man schlußfolgern,
daß ein Zusammenhang zwischen einer gering vorhandenen Fähigkeit
die Bedeutung von Wörtern zu erfassen und der Ausbildung der Automatisierung
der Sinnerfassung bestehen muß. Eine automatische Erfassung der
Bedeutung von Wörtern bildet sich früher heraus, als die Lesegeläufigkeit.
3.10 Entwicklung des Kontexteinflusse beim Erkennen von Wörtern
Der geübte Leser kann laut einiger Lesetheorien einen Text in größeren
Einheiten lesen. Der Einfluß des Kontexts sollte nach diesen Vorstellungen
im Lauf der Leseentwicklung zunehmend bedeutsam werden. Beim geübten
Leser würde demnach die Aktivität der semantischen Ebene für
das Lesen genutzt. Nach diesen Thesen müßte der kontext bei
Erwachsenen einen größeren Einfluß auf das Erkennen von
Wörtern haben, die am Satzende stehen, als bei Kindern. Dies wurde
aber in Experimenten widerlegt. Mit zunehmender Lesefertigkeit wird das
Wissen um die Wörter immer vollständiger und vom Kontext unabhängiger.
Literatur: Klicpera & Gasteiger - Klicpera:
Phychologie der Lese und Rechtschreibschwierigkeiten
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